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Orchesterphantasien

05.08.2005
Eines Tages platzte Maurice Ravel die Hutschnur. Als er mitbekam, wie ein Amateurpianist seine wunderbare “Pavane pour une infante défunte” verhunzte, blaffte er ihn an, er habe Pavane für eine tote Prinzessin und keine tote Pavane für eine Prinzessin geschrieben. Elf Jahre, nachdem er das Stück komponiert hatte, arbeitete er es 1910 schließlich für Orchester um und die Erinnerungen an die akustischen Misshandlungen schwangen im Unterbewussten mit.
Jedenfalls waren seine Ensemble-Transkriptionen weit mehr vor der ungerechten Laien-Behandlung gefeit. Und sie sind bis heute eine Fundgrube außergewöhnlicher Klangerlebnisse, wie die Zusammenstellung der Collector’s Edition von Charles Dutoit und dem Orchestre Symphonique de Montréal auf 4 CDs dokumentiert.

Maurice Ravel stilisierte sich zwar gerne als Dandy und Lebemann. Auf der anderen Seite konnte er aber genauso eine gradezu kindliche Begeisterung für musikalische Ereignisse entwickeln. Eines der frühen Erlebnisse dieser Art reichte zurück bis in das Jahr 1889, als der 14jährige Junge im Publikum eines Konzertes von Rimskij-Korsakov saß und von der Intensität von dessen Tonkunst fasziniert war. Diese Bewunderung hielt insgeheim an und brachte den Komponisten noch zwei Jahrzehnte später dazu, Anregungen bei dem russischen Meister zu suchen, als er selbst mit der Erschaffung des Balletts “Daphnis et Chloé” nicht recht weiter kam. Tatsächlich lassen sich Anklänge an die musikalische Sprache von Rimskij-Korsakov entdecken, etwa in der Eingangspassage zur “Danse générale”. Auf der anderen Seite aber war Ravel selbst inzwischen souverän genug, um aus den Inspirationen eine vollkommen eigenständige Kreation werden zu lassen, die zu den schönsten Kompositionen für ein modernes Tanztheater gehört.
 
Das Kinderherz jedoch kam immer wieder in seinen Stücken zum Vorschein, sei es als Titel oder motivisch als Garant für die passende Einfachheit bei größtmöglichem Ausdruck. So etwa in der lyrischen Phantasie “L’Enfant et les sortilèges”, die zwischen 1920 und 1925 geschrieben wurde und mit einer traumhaft-surrealen Geschichte die Ängste und Gefühle eines kleinen Jungen vertont. Ebenso märchenhaft war seine “Shéhérazade” von 1903, die nach drei Gedichten von Tristan Klingsor das orientalische Erzählmotiv variiert.

Darüber hinaus gab es zahlreiche andere Werke, die sich ihre Inspirationen bei Zeitgenossen und Kollegen holten, ohne sie zu kopieren. Ravels Klavierkonzert beispielsweise hat in seiner Unbeschwertheit einen Hang zu Mozart, während das “Tombeau de Couperin” nicht nur auf den lang verstorbenen Komponisten des 18.Jahrhunderts, sondern zugleich auf die Orchesterfülle des Spätromantikers Camille Saint-Saëns Bezug nahm. Und so kann der schweizer Dirigent Charles Dutoit gemeinsam mit dem Orchestre Symphonique de Montréal und Solisten wie der Sopranistin Cathérine Dubosc und dem Pianisten Pascal Rogé Schritt für Schritt die wichtigen Stationen von Ravels Ensemblewerken ausleuchten. Die Aufnahmen entstanden in den Jahren 1980–92 in den akustisch hervorragenden Räumlichkeiten der Kirche St Eustache in der kanadischen Kultur-Metropole und Heimatstadt des Orchesters und präsentieren Dirigent wie Ensemble in Hochform.
 
Egal ob ein schmissiger “Bolero” oder ein farbenprächtiges “Ma Mère l’Oye”, ob ein pfiffiges “Tombeau de Couperin” oder eine pittoreske “Rapsodie espagnole” — Dutoit hat seine Mannschaft im Griff und entlockt ihr ein hohes Maß an Individualität und Emotionalität. Schon deshalb ist die Sammlung der Collector’s Edition ein gelungener Einstieg in die Orchesterwelten des französischen Impressionisten.