Marilyn Horne | News | Grande Dame der Met

Marilyn Horne

Grande Dame der Met

26.03.2008
Die Wahl war eindeutig. Als im vergangenen Winter an der New Yorker Metropolitan Opera eine neue Reihe mit dem Titel “Met Legends” aus der Taufe gehoben und nach einer künstlerischen Persönlichkeit gesucht wurde, die diese Position idealtypisch verkörpern könnte, war schnell klar, dass dies Marilyn Horne sein musste. Denn die 74-jährige Mezzo-Sopranistin prägte mit vielen hundert Vorstellungen die Klangidee ihrer Stimmlage am Haus und gehörte bis zu ihrem Bühnenabschied an ihrem 66.Geburtstag in der Carnegie Hall und darüber hinaus zu den beliebtesten Sängerinnen Amerikas, dass sogar die Spezialisten der Zeitschrift Opera News feststellten: “Marilyn Horne ist wohlmöglich die einflussreichste Sängerin der amerikanischen Musikgeschichte”. Für alle Fans der Künstlerin und der Stimme überhaupt ist nun eine exklusive Box erschienen. “Marilyn Horne — The Complete Decca Recordings” vereint auf elf CDs viele der musikalischen Höhepunkte dieser faszinierenden Persönlichkeit — eine besonderes Sammlerstück.
Es war die Kombination aus Glück und Talent. Glück waren die familiären Voraussetzungen und vielen kleine Momente, die Marilyn Horne an den entscheidenden Stellen der Karriere weiterbrachten. Talent war ihr angeboren und wurde durch Ehrgeiz und Disziplin von Kindesbeinen an gefördert. Geboren wurde Marilyn Berneice Horne am 16. Januar 1934 im Städtchen Bradford, Pennsylvania. Der Vater hatte eine feine Tenorstimme, die Mutter einen natürlichen Sopran, und beide liebten es, sowohl Musik zu konsumieren, als auch sie selbst zu machen. Dem Mädel Marilyn jedenfalls wurden früh zahlreiche Lieder beigebracht, mit drei Jahren sang sie bereits öffentlich.

Die Ausbildung begann mit fünf, zunächst in ihrer Heimatstadt. Nachdem die Familie 1945 nach Long Beach umgezogen war, setzte die Teenagerin ihre musikalische Laufbahn zunächst in verschiedenen Ensembles wie dem Roger Wagner Chor fort. So kam sie mit zahlreichen geistlichen Werken in Berührung, baute aber auch Kontakte zur Filmindustrie auf. Als Otto Preminger etwa 1954 eine Singstimme für Dorothy Dandridge in dessen Leinwandepos “Carmen Jones” suchte, fiel daher seine Wahl auf Horne, die damals als Studentin an der University of Southern California noch an den Feinheiten ihrer Stimmtechnik feilte.
 
Ein bisschen Glück war auch dabei, dass sie bei einer der vielen musikalischen Gelegenheiten im Umkreis ihres Studiums den Komponisten Igor Stravinsky kennen lernte. Er nahm sie 1956 mit auf die Biennale in Venedig und so stolperte Horne in das nächste Kapitel ihrer Laufbahn. Sie landete in Gelsenkirchen, blieb drei Jahre im Pott und schaffte es, Ende der Fünfziger durch die Rolle der Marie in Alban Bergs “Wozzeck” die Kritik zu begeistern. Die Wellen schwappten bis in ihre Heimat zurück und so kam es, dass man sie 1960 in derselben Rolle an der San Francisco Opera erleben konnte. Von da an ging es stetig bergauf. 1961 New York, 1964 Covent Garden, 1969 Scala, schließlich 1970 ihr Debüt an der Met in Bellinis “Norma”, ein Haus, dem sie seitdem eng verbunden ist. Im Laufe der Jahre sang sie neben zahlreichen Opernaufführungen rund 1300 Liedrecitals, vor allem an der Seite des Pianisten Martin Katz.

Anlässlich ihres 60. Geburtstages gründete sie 1994 die Marilyn Horne Foundation zur Förderung des Stimmnachwuchses, die seitdem etwa 30.000 Sänger und Sängerinnen unterrichtet hat. Und sie nahm zahlreiche, preisgekrönte Alben für ihre Plattenfirma Decca auf, die nun alle sorgfältig ediert mit den Originalmotiven der LP-Ausgaben in der Box “The Complete Decca Recording” zusammengefasst wurden. Zu den berühmtesten Beispielen gehört sicherlich ihr Tribute an Maria Malibran und Pauline Viardot, das unter dem Titel “Souvenir Of A Golden Era” erschien. Mit dabei sind außerdem Programme mit französischen und gemischten Opernarien, mit Melodien von Bach und Händel, außerdem mehrere Recitale mit Liedern von Mahler, Wagner und anderen Deutschen Komponisten, schließlich spanische Lieder und die populäre Sammlung “The Great American Songbook”. So wird schnell klar: Wer diese Zusammenstellung sein eigen nennt, hat nicht nur das Wesentliche aus der Karriere der grandiosen Mezzosopranistin vorliegen, sondern eine Schatzkiste der Gesangskunst schlechthin.