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Marilyn Horne

Amerikas Stimme

12.12.2003
Selbst die sonst so gestrengen Normenwächter der Fachzeitschrift “Opera News” konnten nicht mehr anders: “Marilyn Horne ist wohlmöglich die einflussreichste Sängerin der amerikanischen Musikgeschichte”, war unlängst dort zu lesen. Ein Urteil übrigens, dem sich ein Großteil der Opernwelt längst angeschlossen hat. Im kommenden Januar jedenfalls wird Marilyn Horn 70 Jahre alt. Zeit für eine Hommage an eine große Künstlerin.
Es war die Kombination aus Glück und Talent. Glück waren die familiären Voraussetzungen und vielen kleine Momente, die Marilyn Horne an den entscheidenden Stellen der Karriere weiterbrachten. Talent war ihr angeboren und wurde durch Ehrgeiz und Disziplin von Kindesbeinen an gefördert. Geboren wurde Marilyn Berneice Horne am 16. Januar 1934 im Städtchen Bradford, Pennsylvania. Der Vater hatte eine feine Tenorstimme, die Mutter einen natürlichen Sopran, und beide liebten es, sowohl Musik zu konsumieren, als auch sie selbst zu machen. Dem Mädel Marilyn jedenfalls wurden früh zahlreiche Lieder beigebracht, mit drei Jahren sang sie bereits öffentlich. Die Ausbildung begann mit fünf, zunächst in ihrer Heimatstadt. Nachdem die Familie 1945 nach Long Beach umgezogen war, setzte die Teenagerin ihre musikalische Laufbahn zunächst in verschiedenen Ensembles wie dem Roger Wagner Chor fort. So kam sie mit zahlreichen geistlichen Werken in Berührung, baute aber auch Kontakte zur Filmindustrie auf. Als Otto Preminger etwa 1954 eine Singstimme für Dorothy Dandridge in dessen Leinwandepos “Carmen Jones” suchte, fiel daher seine Wahl auf Horne, die damals als Studentin an der University of Southern California noch an den Feinheiten ihrer Stimmtechnik feilte.
 
Ein bisschen Glück war dabei, als sie bei einer der vielen musikalischen Gelegenheiten im Umkreis ihres Studiums den Komponisten Igor Stravinsky kennen lernte. Er nahm sie 1956 mit auf die Biennale in Venedig und so stolperte Horne in das nächste Kapitel ihrer Laufbahn. Und das führte sie zunächst nach Gelsenkirchen, wo sie eine Stelle angeboten bekam. Horne sagte zu, blieb drei Jahre im Pott und schaffte es, Ende der Fünfziger durch die Rolle der Marie in Alban Bergs “Wozzeck” die Kritik zu begeistern. Die Wellen schwappten bis in ihre Heimat zurück und so kam es, dass man sie 1960 in derselben Rolle an der San Francisco Opera erleben konnte. Von da an ging es stetig bergauf. 1961 New York, 1964 Covent Garden, 1969 Scala, schließlich 1970 ihr Debüt an der Met in Bellinis “Norma”, ein Haus, dem sie seitdem eng verbunden ist. Im Laufe der Jahre sang sie neben zahlreichen Opernaufführungen außerdem rund 1300 Liedrecitals, vor allem an der Seite des Pianisten Martin Katz. Anlässlich ihres 60. Geburtstages gründete sie 1994 die Marilyn Horne Foundation zur Förderung des Stimmnachwuchses, die seitdem etwa 30 000 Sänger und Sängerinnen unterrichtet hat.
 
Hornes Pokale und Auszeichnungen passen auf keinen Kaminsims mehr, die Aufnahmen ihres makellosen und markanten Mezzosoprans füllen ganze Archive. So konnte für “The Golden Voice” auch aus den Vollen geschöpft werden. Das Spektrum der ausgewählten Stücke aus dem Zeitraum zwischen 1964 und 1986 reicht von Bizets “Carmen” bis zu Wagners “Wesendonk-Liedern”. Begleitet wird sie von illustren Ensembles wie dem Metropolitan Opera Orchestra oder dem Orchestra Of The Royal Opera House unter der Leitung ebenso berühmter Dirigenten wie Leonard Bernstein und Sir George Solti. Und sogar ein besonderes Schmankerl ist auf der Zusammenstellung enthalten. Als letztes Stück der zweiten CD erklingt “Jeannie with the light brown hair”. Es ist zugleich das erste Lied, das Hornes Mutter der kleinen Marilyn beigebracht hatte — ein nostalgisches Dankeschön an die Initiatorin einer Weltkarriere, die an das Beste in ihrem Kind geglaubt hatte.