Andreas Scholl singt Purcell

Andreas Scholl hat an der Zusammenstellung des vorliegenden Albums sichtlich seine Freude gehabt; viele der Stücke singt er seit Jahren, andere hat er jetzt gerne in sein Repertoire aufgenommen. In gewisser Weise überrascht es, dass dies Scholls erstes Purcell-Album sein sollte, denn wie er hervorhebt, »könnte man sagen, dass die Musik Purcells neben der John Dowlands und Händels in der solistischen Arbeit eines Countertenors das tägliche Brot darstellt. Wir haben sogar während meiner Studienzeit in Basel Dido and Aeneas inszeniert. Ich sang Purcell damals und war davon begeistert, und ich habe von jeher Purcell-Lieder in meinem Recital-Repertoire gehabt, nur aufgenommen hatte ich sie noch nie, so dass ich dachte, jetzt wäre ein guter Moment.«

Henry Purcell (1659–95) war die überragende Gestalt der englischen Barockmusik und wurde schon bald nach seinem vorzeitigen Tod als »Orpheus Britannicus« gewürdigt. Souverän beherrschte er die zeitgenössischen Gattungen verschiedenster Art, von inniger Kammer­musik bis zum Hofzeremoniell, vom heiligen Reich der anglikanischen Kirche (er war Organist an der Westminster Abbey) bis zu den Musicals seiner Zeit, den zahlreichen Schauspielmusiken für Drury Lane. Er überzeugte auch mit kleinen durchkomponierten Opern wie Dido and Aeneas und in der typisch englischen Form der Semi-Oper: gesprochenen Dramen mit langen musikalischen Zwischenspielen, wie The Fairy Queen und King Arthur. Bei allen seinen Chor- und Vokalkompositionen bewundert man bis auf den heutigen Tag die Kunst Purcells, die englische Sprache zu vertonen, indem er nicht nur ihren natürlichen Rhythmen folgte, sondern auch ihr Ausdrucksvermögen mit musikalischen Mitteln großartig steigerte.

Für Andreas Scholl tritt dieser rhetorische Aspekt deutlich zutage. »Diese Regeln wurden in der Spätrenaissance geschaffen. Viele Dichter und Komponisten schrieben und disputierten über die Bedeutung der Musik, über das Zusammenspiel zwischen Wort und Musik in einem Lied oder einer Arie. Für den Interpreten ist es einfacher, denn der Ansatz ist eindeutig durch das Wort motiviert. Wenn man weiß, wie man den Text sprechen oder in einem Schauspiel dramatisieren würde, verfügt man bereits über 90 Prozent der Anhaltspunkte, die man für eine glaubwürdige Interpretation benötigt.«
Gerne hat Scholl auch wieder die Zusammenarbeit mit seinen Freunden von der Accademia Bizantina aufgenommen. »Wir arbeiten seit langem zusammen, und das gemeinsame Musizieren ist eine reine Freude.« Außerdem hat er den französischen Countertenor Christophe Dumaux hinzugezogen. »Ich stellte mir immer vor, dass es schön wäre, das berühmte ›Sound the trumpet‹ im Album zu haben. Christophe ist ein cooler Typ und ein toller Sänger. Wir haben gemeinsam an der Met debütiert, und wir haben auch in Kopenhagen, Lausanne und Paris gemeinsam auf der Bühne gestanden. Ich dachte, es würde Spaß machen, ihn bei ein paar Duetten dabeizuhaben.«

Mit dem berühmten »Cold Song« aus King Arthur erinnert das Album an den Kultsänger Klaus Nomi (1944–83), einen ungewöhnlichen Künstler, der mit diesem Stück von sich reden machte und dessen unglaubliche Kreativität von Scholl sehr geschätzt wird. »Es ist eigentlich eine traurige Geschichte. Er war eines der ersten Aids-Opfer der Musikszene. Er begann seine Karriere in den siebziger Jahren, als er Tenor werden wollte, aber die Musikhochschulen nahmen ihn nicht an. Dann arbeitete er als Konditor und als Statist an der Essener Oper. Später verließ er Deutschland und lebte in New York, wo er Unterricht in klassischer Musik nahm und sich in der schwulen Musikszene in einer stimulierenden Welt exzentrischer Künstler bewegte. Er hatte immer diese herrlichen Kostüme an – manche Leute glauben, dass David Bowie seinen Stil von Klaus Nomi übernommen hat. Er stand an der Schwelle zum Riesenerfolg, als er starb.«

Ungewöhnlich ist auch, zumindest für einen männlichen Sänger, das berühmte Klagelied aus Dido and Aeneas, das normalerweise von einer Mezzosopranistin gesungen wird. »Na ja, ich weiß, es ist etwas kontrovers, aber wenn nur das an meinem Gesang provoziert, ist das nicht zu viel!« Das ist eine Anspielung auf die Faszination der hohen Männerstimme. »Es bestehen immer noch die dümmsten Vorurteile. Ich selber war vor zehn, fünfzehn Jahren in den Schlagzeilen mit ›Ein Mann, der singt wie eine Frau‹ – als ob ich eine Zirkusattraktion wäre. Wir haben in Westeuropa gewisse Regeln, die vorschreiben, dass man sich als Mann auf eine bestimmte Weise verhalten muss. Ein Countertenor überschreitet die Grenzen dieses Bereichs. Es erscheint ein Mann auf der Bühne, aber wenn er dann singt, hört man nicht die erwartete Männerstimme, und das lässt sich eben nicht in eine Schublade stecken. Darin liegt der Reiz des Countertenor-Gesangs. Die hohe Männerstimme überrascht das Publikum und lässt sich nicht klassifizieren – sie erinnert uns daran, dass wir an erster Stelle menschliche Wesen sind.«

»Music for a while« gehört zu den Lieblingsstücken Scholls: »Es ist eines der schönsten Lieder, die je geschrieben worden sind. Die Musik ist natürlich die Botschaft. Purcell sagt seinem Publikum: ›Keine Bange, solange dieser Sänger meine Musik singt, ist alles gut. Euer Leid wird gelindert, und die Musik führt euch in eine höhere Sphäre.‹ Durch die rhythmische Wiederholung, den basso ostinato, hat die Musik etwas Hypnotisches, von dem man angezogen wird. Wenn es eine Top Ten der besten Lieder aller Zeiten gäbe, müsste ›Music for a while‹ dabei sein.«

»Music for a while« entstammt der Schauspielmusik Purcells zu Oedipus, King of Thebes, einer 1692 neu inszenierten Tragödie von Dryden und Lee. Andere hier enthaltene Stücke wie »Sweeter than roses« aus Nortons Pausanias, the Betrayer of His Country (1695) oder solche aus den Semi-Opern King Arthur (1691) und The Fairy Queen (1692) oder seiner durchkomponierten Kurzoper Dido and Aeneas (spätestens 1689) belegen ebenfalls die Liebe Purcells zum Theater und die Bedeutung, die er der Schauspielmusik beimaß. Hinzu kommen innigere Lieder, wie »If music be the food of love« (1691–92), eine seiner insgesamt drei verschiedenen Vertonungen dieses Textes. Abgerundet durch ebenso beeindruckende Gelegenheitskompositionen, wie die Ode for St Cecilia’s Day »Welcome to all the pleasures« (1693) und die ergreifende Elegy on the Death of Queen Mary (1695), sowie einige reine Instrumentalstücke demonstriert dieses Album die ungeheure Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten und Kontexten, mit denen Purcell umzugehen wusste. Es scheint, als gab es nichts, das ihn hätte überfordern können.

Wie würde Scholl jemandem, dem Purcell fremd ist, seine Musik nahebringen? »Wenn jemand noch nie klassische Musik gehört hat, würde ich sagen: Hören Sie sich das ruhig einmal an. Als Komponist ist er sicherlich nicht schwer zugänglich. Purcell spricht sein Publikum auf mehreren Ebenen an. Natürlich hat man mehr davon, wenn man den Kontext versteht, aber die eigentliche Musik spricht eine universelle Sprache. Es ist keine Musik für Musikologen, es ist Musik für den Menschen.«
George Hall
9/2010