Andreas Scholl | Bach
Andreas Scholl

Andreas Scholl
Bach Cantatas
CD 478 2733
Also available as download
Pre-Release USA: October 2011
Internat. Release date: January 2012

Die Musik

Andreas Scholl hat einen persönlichen Kommentar geschrieben; meine Aufgabe ist es eher, Fakten zu liefern. Was z. B. ist eine Kantate? Da hapert es schon; denn was wir als Kantate be­zeichnen, pflegte Bach Konzert zu nennen: ein Stück für Stimmen und Instrumente im konzer­tierenden Stil, d. h. Solisten und Instrumentalisten spielen in einer kleinen Gruppe zusammen. Bei einem Programm mit einer Solostimme muss man sich nicht fragen, ob Bach über einen Chor im modernen Sinn des Wortes verfügt hat. Der größte Teil der Musik in seinen Kantaten ist für Solostimmen geschrieben; gelegentlich gibt es noch einen Anfangschor und meist einen Schlusschoral. Die religiöse Geschichte und die persönliche Interpretation eines Kantatenthemas (das gewöhnlich auf das Bibelwort des jeweiligen Sonntags bezogen ist) obliegen den Solisten, oft zusammen mit einem Soloinstrument als gleichwertigem Partner.

Kantate BWV 82, »Ich habe genug« (»genung« in jüngeren Ausgaben) wurde zum Fest Mariä Lichtmess (früher auch Mariä Reinigung), am 2. Februar 1727 für Solobass komponiert und später auch von einem Mezzosopran (wahrscheinlich ebenfalls in c-moll) und einem Sopran in e-moll gesungen. Die für einen Bass geschriebene Musik dieser Zeit lässt sich kaum transponieren, da die Eigenarten der Bassstimme so in den Gesangspart integriert sind, dass sie eine Oktave höher falsch klingt. Doch hier muss Bach die Kantate auch für eine höhere Stimme als geeignet befunden haben. Sie ist für Streicher und Oboe geschrieben, deren klagender Ton dem düsteren Kantatentext entspricht; dieser geht vom Lukasevangelium aus – der Greis Simeon erkennt in dem Säugling Jesus, der in den Tempel gebracht wird, den künftigen Messias und äußert darauf: »Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden«, Worte, die noch 2000 Jahre später in katholischen, anglikanischen und zweifellos noch anderen Abendgottesdiensten fortbestehen. BWV 200, »Bekennen will ich seinen Namen«, eine einzelne Arie mit zwei Violinen und Continuo, stammt aus den frühen 1740er-Jahren und wurde wohl ebenfalls für Mariä Lichtmess geschrieben.

Kantate BWV 169, »Gott soll allein mein Herze haben«, wurde am 20. Oktober 1726 erstmals aufgeführt und bezieht sich auf das Thema jenes Sonntags: »Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte, und deinen Nächsten wie dich selbst.« Die Besetzung ist mit drei Oboen (und wohl Fagott) sowie Streichern abwechslungsreicher. Es gibt auch eine Solopartie für den Organisten im ersten und fünften Satz; im dritten Satz ist die Orgel das Obligato-Instrument.
Kantate BWV 53, »Schlage doch, gewünschte Stunde«. Obwohl eine der besser bekannten Kantaten, stammt sie wahrscheinlich von Georg Melchior Hoffmann (um 1679–1715). Wie Telemann hat er Jura in Leipzig studiert und dort eine erfolgreiche musikalische Karriere gehabt. Es ist eine einzelne Arie für Streicher mit zwei Glocken für das Grabgeläute; ungeachtet des Verfassers ein denkwürdiges und kraftvolles Werk.

BWV 161 Nr. 4, »Der Schluss ist schon gemacht« (aufgeführt am 27. September 1716) ist ein eindringliches Rezitativ für zwei Blockflöten (als Symbol des Todes) sowie Streicher aus der Kantate »Komm, du süße Todesstunde«. Es basiert auf dem Evangeliumstext für jenen Sonntag aus Lukas 7, in dem beschrieben wird, wie Jesus einen jungen Mann vom Tode erweckt. Aus der Kantate BWV 150, »Nach dir, Herr, verlanget mich«, einem von Bachs frühesten geistlichen Werken, ist auf diesem Album die Instrumentaleinleitung zu hören.
© 2011 Clifford Bartlett
9/2011