RAVEL · MESSIAEN · DUTILLEUX
Französische Lieder

Singen ist immer auch Geschichtenerzählen; und Renée Fleming, deren enormes Repertoire viele Werke aus der reichhaltigen französischen Tradition einschließt, verfügt über die besonderen Fähigkeiten, die diese Kunst verlangt. Scheherazade (so die übliche deutsche Schreibweise) ist die Erzählerin der Erzählungen aus den Tausend und ein Nächten, die diese Geschichten so geschickt ausspann, dass sie das grausame Todesurteil eines Sultans 1001 Nächte lang hinausschieben konnte — und darauf lebten sie vermutlich glücklich bis an ihr Lebensende. 1888 schrieb der russische Komponist Rimskij-Korsakov eine farbenfreudige Orchestersuite über sie und einige ihrer Geschichten, die Maurice Ravel sicher gekannt hat, als er 1898 eine Oper, Shéhérazade, zu schreiben begann. Von diesem unvollendeten Werk hat sich anscheinend nichts außer der Ouvertüre erhalten, die gar nichts mit den drei Orchesterliedern zu tun hat, die er fünf Jahre später komponiert hat.

Ravels Shéhérazade stammt aus seiner frühen Reifezeit und die üppige, doch subtile Harmonik sowie die raffinierte, wenn auch gelegentlich überwältigende Orchestrierung sind typisch für die Magie, die dieser feinfühlige Komponist mit seiner eindringlichen Kunst erzeugen konnte. Es sind Vertonungen eines Dichters, der eigentlich Léon Leclère (1874–1966) hieß, aber einen Künstlernamen trug, der den Helden einer Wagneroper mit dem Bösewicht einer anderen verband — Tristan Klingsor.

Der Zyklus wurde im Mai 1904 in Paris uraufgeführt. Das erste Lied zaubert eine Vision Asiens aus der Phantasiewelt von Bilderbüchern und Märchen hervor, voller Geheimnisse, Gewalt, Schönheit, Erotik, mit einer Vielzahl exotisch angehauchter Szenen aus Syrien, Persien, Indien und China, gleichsam von einem fliegenden Teppich aus gesehen. Das zweite Lied, La Flûte enchantée, beginnt mit den Klängen dieses Instruments. Die Sängerin lauscht ihm vom Inneren eines Hauses, in dem ihr Gebieter schläft. Sie ist eine Dienerin, und ihr Geliebter spielt draußen auf der Flöte. Im letzten Lied, L’Indifférent, flaniert ein junger Mann von ambivalenter Sexualität verlockend vor einem Haus, aus dem die Sängerin ihn beobachtet und hereinbittet. Doch er geht mit einer anmutigen Geste vorüber.

Olivier Messiaen komponierte die Poèmes pour Mi für seine erste Frau, die Geigerin und Komponistin Claire Delbos. Sie waren einander als Studenten am Pariser Conservatoire begegnet, gaben bald gemeinsam Konzerte und heirateten am Cäcilientag (22. November) 1932. “Mi” war der Kosename des Komponisten für seine Frau. 1936 komponierte Messiaen dann diesen Zyklus mit neun Liedern auf eigene (sowohl höchst persönliche als auch religiöse) Texte, die ihr gemeinsames Glück besingen. Im folgenden Jahr schrieb er eine Orchesterfassung dieser ursprünglich für Stimme und Klavier komponierten Lieder. Der Zyklus wurde dank seiner Unmittelbarkeit und der Mischung aus Schlichtheit und Sinnlichkeit zu einem der meistaufgeführten Werke des Komponisten.

Unglücklicherweise verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Claire Delbos gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach einer Operation verlor sie ihr Gedächtnis, kam ins Krankenhaus und lebte bis zu ihrem Tod 1959 in verschiedenen Anstalten. Zusammen mit den Chants de terre et de ciel (1938), die auch ihrem Sohn Pascal gewidmet sind, bilden die Poèmes ein bleibendes und bewegendes Zeugnis für das kurze Glück von Messiaens erster Ehe.

Der Komponist starb 1992 mit 83 Jahren. Sein acht Jahre jüngerer Kollege Henri Dutilleux lebt erfreulicherweise noch. Sein relativ schmales Werk ist von dauerhafter Qualität und Einfallskraft, was Hörer in Frankreich und andernorts zunehmend würdigen. Dutilleux erhielt, besonders in jüngster Zeit, einige bedeutende Auszeichnungen, so vor allem den Ernst Siemens Preis (2005), den Prix Midem (2007), die Ehrenmitgliedschaft der Cardiff University sowie die Goldmedaille der Royal Philharmonic Society London (beide 2008). Der Komponist findet nun überall die Beachtung, die er so lange schon verdient hat.

Er hat ebenfalls am Pariser Conservatoire studiert und später dort unterrichtet; außerdem hatte er als Leiter der Musikproduktion beim französischen Rundfunk vom Kriegsende 1945 bis 1963 eine wichtige Position inne. Dutilleux hing keiner Schule und auch keinem besonderen Kompositionssystem an und schuf ein höchst individuelles und herausragendes Œuvre, das in gewissem Maß seinen Vorgängern Debussy und Ravel verpflichtet ist, gelegentlich aber auch eine leichte Jazz-Färbung aufweist. Der meisterhafte Orchesterkomponist schrieb zwei Sinfonien sowie zwei bedeutende Konzerte, ein Cellokonzert (für Rostropovitsch) und ein Violinkonzert (für Isaac Stern) neben Klavier- und Kammermusikwerken. Es gibt nur wenige Gesangswerke von ihm; doch die schmale Auswahl seiner Vokalkompositionen erweist deutlich die hohe Qualität seines musikalischen Denkens.

Die ersten noch vorhandenen Lieder von Dutilleux (er hat einige frühere Exemplare zurückgezogen) sind die Deux Sonnets de Jean Cassou, 1954 für Gesang und Klavier komponiert, später jedoch auch orchestriert. Cassou (1897–1986) war ein Museumskurator, der sich 1940 der französischen Resistance anschloss, als er vom Vichy-Regime seines Amtes enthoben wurde. Seine Trente-trois Sonnets composés au secret (aus denen Dutilleux zwei auswählte) entstanden während seiner anschließenden Gefangenschaft, wurden damals allerdings nicht aufgeschrieben, da man ihm die Mittel dafür verweigerte. Sie erschienen 1944 geheim unter dem Pseudonym Jean Noir; ihr Verfasser erhielt später das Croix de Guerre.

Dutilleux wandte sich mit dem bedeutenden Orchesterzyklus Correspondances wieder der Gesangskomposition zu; das Werk wurde 2003 von Dawn Upshaw und den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle uraufgeführt. In jüngerer Zeit inspirierten ihn die Stimme und die künstlerische Persönlichkeit der frankophonen Sopranistin Renée Fleming zur Komposition von Le Temps l’horloge — vier Lieder mit einem Zwischenspiel zwischen den letzten beiden Liedern (2006–09). Die Uraufführung des vollständigen Zyklus fand am 7. Mai 2009 mit Renée Fleming und dem Orchestre National de France unter Seiji Ozawa im Théâ̂tre des Champs-Élysées, Paris, statt. Dutilleux hat das große Orchester dieses Werkes noch durch einige ungewöhnliche Instrumente, Cembalo und Akkordeon, ergänzt, die er (wie bei ihm üblich) wählerisch und subtil handhabt.

Seine Dichterauswahl ist ebenfalls charakteristisch. Die ersten beiden Lieder — Le Temps l’horloge und Le Masque — sind Vertonungen nach Texten von Jean Tardieu, einem Dichter und Musiker, an dessen Seite Dutilleux viele Jahre bei Radio France gearbeitet hat. Ungewöhnlicherweise bezieht sich auch das Zwischenspiel auf einen (allerdings nicht vertonten) Text: Tardieus Prosadichtung Le Futur antérieur. Der Text von Le Dernier Poème stammt von dem Surrealisten Robert Desnos, ebenfalls einem Mitglied der französischen Resistance, der 1945 in dem Nazi-Konzentrationslager Terezín (Theresienstadt) starb. Und schließlich wendet Dutilleux sich auch seinem geliebten Baudelaire zu, den er als wichtigen Einfluss für seine Kreativität anführt und dessen Werk Tout un monde lointain auch den Titel für sein Cellokonzert lieferte. Enivrez-vous ist eines der posthum erschienenen Petits Poèmes en prose Baudelaires, in dem die Notwendigkeit eines trunkenen (gemeint wohl gänzlich ungehemmten) Umgangs mit dem Leben in allen Aspekten angemahnt wird.

George Hall
Übersetzung Christiane Frobenius